ödp - Ökologisch - Demokratische Partei

Brief an Bildungsministerin Ahnen zur Schulstrukturreform



Sehr geehrte Frau Ahnen,

seit Monaten beschäftigt die geplante Schulstrukturreform die Gemüter von Eltern, Schulleitern und Kommunalparlamenten in Rheinland-Pfalz. So hat sich auch der Arbeitskreis Bildungspolitik der rheinland-pfälzischen ödp mit den Plänen Ihres Ministeriums beschäftigt. Besonders kritisch sehen wir hierbei die folgenden drei Punkte:
1. die Abschaffung der Hauptschulen,
2. das Projekt „Keiner ohne Abschluss", durch das die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss reduziert werden soll,
3. das völlige Fehlen der Berufsbildenden Schulen in der Diskussion um neue Schulkonzepte.

zu 1:
Es ist allgemein bekannt, dass der Schultyp „Hauptschule" einen schlechten Ruf genießt und deshalb immer weniger Eltern ihre Kinder an einer Hauptschule anmelden. Sie schlagen vor, dieser Entwicklung durch die formale Abschaffung der Hauptschule zu begegnen. Aber dadurch werden doch nicht die Probleme der Hauptschüler abgeschafft!  Bildungsferne Elternhäuser, Sprach- und Integrationsprobleme der Kinder, schwache Lernleistungen, Abdriften in schulferne Subkulturen, etc. wird es weiterhin geben. Wie wollen Sie diesen Problemen begegnen?
wir fordern:
Arbeit in kleinen Lerngruppen (weniger als 20 Kinder), so wie sie zur Zeit an vielen Hauptschulen möglich sind. Die von Ihnen versprochene Klassenstärke von 25 Schülerinnen und Schülern in der Orientierungsstufe der Realschule plus bedeutet für Kinder auf Hauptschulniveau eine Verschlechterung gegenüber der augenblicklichen Situation! Gerade zur Förderung von Problemkindern halten wir es für notwendig, jeder Lehrkraft  einen Assistenten / eine Assistentin an die Seite zu stellen.


zu 2:
Wir begrüßen die Idee, dass möglichst jeder Schüler und jede Schülerin die Schule mit einem Abschluss verlässt, der den Einstieg in das Berufsleben ermöglicht. Aber dieser Abschluss darf den Kindern nicht nachgeworfen werden. Schon lange beschweren sich Lehrherren, dass Kinder nach dem Verlassen der Hauptschule nicht das nötige Basiswissen  und/oder die nötige Arbeitshaltung für einen Beruf mitbringen. Wie wollen Sie diese Probleme durch das Projekt „Keiner ohne Abschluss" lösen?
wir schlagen vor:
Gerade lernschwache Kinder brauchen eine intensive, praxis-orientierte Bildung. Durch den Abschluss eines „Lernvertrages" können Kinder und Eltern dazu angehalten werden, notwendige eigene Leistungen zum Erreichen des angestrebten Abschlusses zu erbringen. Außerdem sollen Betriebe dazu verpflichtet werden, Stellen für gering Qualifizierte zu Mindestlöhnen zur Verfügung zu stellen statt sie mit 1-Euro-Jobbern zu besetzen.

zu 3:
Unsere modernen Berufsschulen vereinen viele Bildungsangebote unter einem Dach, vom Berufsvorbereitungsjahr über Angebote der klassischen dualen Berufsbildung bis zur Fachhochschulreife. Die Stärke dieser Bildungsangebote sind der Praxisbezug und die enge Kooperation mit Ausbildungsbetrieben. In Ihrem Konzept vermissen wir die Berufsschulen!
deshalb schlagen wir vor:
Statt Realschulen plus oder Integrierte Gesamtschulen mühsam und kostenintensiv um eine Oberstufe zur Erlangung der Fachhochschulreife zu erweitern, sollten die vorhandenen Angebote der Berufsbildenden Schulen genutzt und eventuell noch ausgebaut werden. Dazu bedarf es lediglich einer verbesserten Information und Kooperation zwischen berufsbildenden und allgemeinbildenden Schulen.

Ihrer Stellungnahme zu unseren Kritikpunkten und Lösungsvorschlägen sehen wir mit Interesse entgegen.

Mit freundlichen Grüßen,


Dr. Gertrud Schanne-Raab

Leiterin des Arbeitskreises Bildungspolitik
der ödp Rheinland-Pfalz

Mainz, den 07.07.2008