ödp - Ökologisch - Demokratische Partei

Mögliche Perspektiven nach der "PISA-Studie"



Empfehlungen des rheinland-pfälzischen ödp-Arbeitskreises Bildungspolitik

Die Ergebnisse der PISA-Studie haben in Deutschland alle Bildungspolitiker aufgeschreckt. Und so werden zur Zeit die unterschiedlichsten Vorschläge zur Veränderung unseres Ausbildungssystems gemacht. Standpunkt der ödp muss es sein, die durch die PISA-Studie aufgezeigten Schwächen unseres Systems auszumerzen ohne die bestehenden Stärken über Bord zu werfen. Mit anderen Worten: Wir sind der Meinung, dass unser qualitativ hochwertiges Ausbildungssystem an seinen Schwachstellen verbessert werden muss, anstatt es durch völlig neuartige Strukturen zu ersetzen, die im Detail nicht ausgereift sind.

Vor diesem Hintergrund wird aus PISA schnell klar, dass es vor allem die Randgruppen unserer Gesellschaft, also die Kinder aus sozial schwachen Familien oder aus Migrantenfamilien sind, die unserer besonderen Aufmerksamkeit bedürfen. Die Bildungspolitik muss daher vorrangig Verbesserungen im Bereich der Grund-, Haupt- und Realschulen anstreben. Wenn Lehrer, Eltern und Arbeitgeber über die oft sehr schwachen Leistungen von Schulabgängern klagen, so kann dies nur bedeuten, dass alle Kinder von Anfang an so gefördert und gefordert werden müssen, dass sie den späteren Minimalanforderungen genügen können.

Hierzu bedarf es auch der Unterstützung durch die Erziehungsberechtigten im Sinne eines gesamtgesellschaftlichen Konsenses darüber, dass unsere Schule stets bemüht ist, eine angemessene und hochwertige Ausbildung sicherzustellen und somit eine unverzichtbare und wertvolle Grundlage für das weitere Leben und unsere Gesellschaft darstellt. Insbesondere muss die gegenwärtige Entwicklung hin zu einer Spaß- und Konsumgesellschaft, die unter anderem von den Medien hemmungslos verbreitet wird, korrigiert werden, um Leistung und Engagement wieder populär zu machen. Lernen soll Spaß machen! Dennoch hat das Lernen nach Auffassung der ödp auch etwas mit Fleiß, Überwindung, Durchhaltevermögen und gegebenenfalls mit Leistungsdruck zu tun und nicht nur mit Spaß, wie das fälschlicherweise all zu oft propagiert wird. Auch dies gilt es den Heranwachsenden zu vermitteln, um sie auf die Realitäten des späteren Berufslebens besser einzustellen.

Im einzelnen macht der Arbeitskreis folgende Vorschläge.
(1) Zur frühen Förderung in Kindergärten:
Kleinkinder sollen spielerisch ihre Umwelt und den sozialen Umgang mit Gleichaltrigen erfahren dürfen, ohne aus einer PISA-Hysterie heraus mit übertriebenen schulischen Ansprüchen konfrontiert und überfordert zu werden. Mit gutem Grund sind unsere KindergärtnerInnen ErzieherInnen und nicht LehrerInnen. Allerdings muß in Zukunft viel stärker Wert auf das frühzeitige Erlernen eines guten Umgangs mit der deutschen Sprache gelegt werden, damit Defizite in diesem Bereich ausgeglichen werden, bevor sie sich in der Grundschule zu einem Unterrichtshemmnis auswachsen können. Im Einvernehmen mit den Eltern muss der Kindergarten im Bedarfsfall ohne Zusatzkosten auf unbürokratische Weise LogopädInnen hinzuziehen können. Darüber hinaus muss es an den Kindergärten eine Ausstattung geben, die es begabten Kindern ermöglicht, sich ihren Neigungen entsprechend beschäftigen zu können. Insbesondere im letzten Kindergartenjahr ist auf diese Weise eine vorsichtige Annäherung an die Grundschule zu ermöglichen.

(2) In der Grund- und Hauptschule müssen durch zusätzliche Lehrkräfte kleinere Klassenstärken geschaffen werden. Nur so haben die Lehrer die Möglichkeit, in angemessener Weise auf die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen und das soziale Umfeld der Kinder einzugehen, rechtzeitig deren Begabungen zu finden und zu fördern, und zeitweilige Leistungsschwächen zu überbrücken, die oft durch Spannungen und Veränderungen im familiären Umfeld bedingt sind. An der Grundschule soll außerdem ein altersgemäßer Fremdsprachenunterricht in einer weiteren Sprache - etwa Englisch oder Französisch - angeboten werden.

(3) Für besonders schwache Schüler muss an Grund- und Hauptschulen zusätzlicher Förderunterricht in einzelnen Fächern angeboten werden. Gegebenenfalls müssen sie zur gezielten Förderung zeitweise aus dem gewöhnlichen Unterricht herausgenommen werden. Insbesondere die Sprachförderung von Kindern ohne ausreichende Deutschkenntnisse muss parallel zum normalen Unterricht geschehen und darf nicht dem Zufall überlassen bleiben. Dies dient auch der Integration von Ausländerkindern. Und die ganze Klasse profitiert davon, da sie nicht mehr so stark durch Schüler mit sprachlichen Schwächen gebremst wird.

(4) Einen generellen Übergang zur Ganztagsschule lehnen wir ab. Zum einen sind wir der Meinung, dass finanzielle Mittel effizienter genutzt werden, wenn sie der intensiveren Betreuung des einzelnen Schülers dienen, als wenn sie zur Schaffung einer großen Zahl von Ganztagsschulen verbraucht werden. Zum anderen sollen Erziehende und Schüler frei bestimmen können, ob sie lieber eine Halbtags- oder Ganztagsschule besuchen wollen. Denn je nach familiären Gegebenheiten und sozialem Umfeld ist die eine oder die andere Variante die bessere Lösung. Das bedeutet, dass in jedem Landkreis und jeder kreisfreien Stadt je nach Bedarf sowohl Halbtags- als auch Ganztagsschulen vorzusehen sind. Es ist ein weit verbreiteter Irrtum zu glauben, dass eine Ganztagsschule qualitativ besser sei, weil sie mehr Unterrichtszeit zur Verfügung habe. In den regulären Unterrichtsfächern wird nämlich dieselbe Stundenzahl erteilt wie in der Halbtagsschule.
Unter Ganztagsschulen verstehen wir Schulen, an denen der verpflichtende Unterricht für alle Schüler auf Vormittag und Nachmittag verteilt ist, und nicht etwa eine herkömmliche Halbtagsschule mit angeschlossenem Hort für einige Schüler. Um dies zu verwirklichen, sind geeignete Voraussetzungen zu schaffen, d.h. Mittagessensangebot und Betreuung in der Mittagspause, u.a. auch durch freiwillige Unterstützung von Seiten engagierter Eltern. Entspannend wirken auch Unterrichtsangebote in einer halbjährlich wählbaren Neigungsgruppe nach dem Mittagessen, ggf. in Zusammenarbeit mit Sport- und Jugendverbänden, Musikschulen, sozialen Einrichtungen, sonstigen Organisationen und Firmen.

(5) Aufgabe der Schulen ist die Vermittlung einer Allgemeinbildung. Dazu gehören unter anderem die kulturellen Grundtechniken (Lesen, Schreiben, Rechnen), eine demokratische Grundbildung (zur Interessenvertretung und zur Konfliktbearbeitung), sowie verbindliche Wertvorstellungen (christlich-humanistische Tradition, Menschenrechte, Grundgesetz). Darüber hinaus entwickelt jeder Schultyp sein eigenes Profil. So muss die Hauptschule grundsätzlich wieder aufgewertet werden; durch die Bildungsreform der vergangenen Jahrzehnte verkam sie leider vielfach zur „Restschule”. Schwerpunktmäßig soll die Hauptschule praktisch orientiert sein, die Realschule kaufmännisch-technischen Charakter besitzen, während das Gymnasium vorwiegend wissenschaftlich ausgerichtet ist.
Die Schulempfehlung bei der Aufspaltung in verschiedene Schultypen muss in Zukunft verbindlich erfolgen, d.h. die Eltern sollten sich nur in besonders begründeten Ausnahmefällen über den Lehrervorschlag hinwegsetzen können. Unberührt davon ist ein späterer Übergang aufgrund von Leistungsveränderungen. De facto ist die Durchlässigkeit zwischen den Schultypen zu erhöhen.
Um die Qualität der Ausbildung zu erhalten, muss in allen Schulzweigen eine ehrlichere Bewertung erfolgen. Die Drittel-Regelung in der Notengebung verhindert einen echten Leistungsspiegel und soll abgeschafft werden. Eine Folge hiervon ist, dass die Schüler verstärkt den ihrer Begabung tatsächlich angemessenen Schultyp besuchen werden, und dass Haupt- und Realschulabschlüsse wieder ihren alten Wert zurückerlangen. Die Förderung von Eliten ist wichtig, darf aber nicht auf Kosten der breiten Mehrheit der Schülerinnen und Schüler geschehen. In jedem Fall muss das Bildungsniveau auf breiter Basis angehoben werden. Dazu müssen auch die Stundentafelkürzungen der 90er Jahre, die nur den vorhandenen Lehrermangel verschleierten, rückgängig gemacht werden.

(6) Wie eingangs bereits angesprochen, gilt es eine positivere gesamtgesellschaftliche Haltung gegenüber der Schule zu fördern. Die Anerkennung des Lehrers muss gestärkt werden. Schulen müssen unterstützt werden bei der Schaffung einer eigenen Schulkultur und -identität. Individuelle Lernfortschritte der Schüler sollen stärker als bisher gewürdigt werden, um Kinder und Jugendliche zur Mitarbeit am Unterricht zu motivieren. Die Wertevermittlung muss erfolgen, indem sie deutlicher als bisher als Unterrichtsprinzip gesehen wird! Unsere Kinder müssen in der Schule soziale Verantwortung, Teamfähigkeit und Engagement lernen. Ferner gilt es verstärkt eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Lehrern und Eltern aufzubauen. Denn die Schule kann nur einen wesentlichen Baustein zum Erziehungskonzept der Eltern beisteuern, ihnen den Erziehungsauftrag jedoch nicht abnehmen.

(7) Der Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern darf nicht nur auf einen Katalog von Strafen aufbauen, sondern muss sozialpädagogische Betreuungsmaßnahmen einschließen. Sozialpädagogen und Schulpsychologen sind verstärkt hinzuzuziehen, um einen Teufelskreis aus Demotivation, Unterrichtsstörung und repressiven Gegenmaßnahmen zu durchbrechen. An den Schulen ist geeignetes Personal einzustellen, um eine Beaufsichtigungsmöglichkeit für Störer außerhalb des regulären Unterrichts einzuführen. Zur Remotivation und Steigerung des Selbstwertgefühls besonders hartnäckiger Störer sollen diese zu Ersatzaktivitäten während aber außerhalb des normalen Unterrichts verpflichtet werden. Die wichtigsten Inhalte des regulären Unterrichts müssen dann allerdings nachgeholt werden, sobald sich das Verhalten des betreffenden Schülers gebessert hat. Dieses Konzept setzt auch voraus, dass innerhalb der jeweiligen Schule die Entscheidungswege zum Umgang mit auffälligen Schülern verkürzt werden.

(8) Die Ausbildung der Lehrenden ist zu verbessern. Im Studium bedeutet dies, dass in allen Fächern (insbesondere beim Lehramt für Gymnasien) die fachdidaktische Ausbildung intensiviert wird. Ferner müssen während der Semesterferien regelmäßig kurze Schulpraktika absolviert werden, damit die Lehramtsstudenten schon während ihres Studiums eine praxisorientiertere Perspektive entwickeln. Eine regelmäßige fachliche und fachdidaktische Weiterbildung der Lehrer soll institutionalisiert werden.

(9) Moderne Medien, insbesondere der Computer, sind - wo immer sinnvoll und angemessen - in den Unterricht zu integrieren. Auf diese Weise lernen die Schüler implizit den Umgang damit und erlangen Medienkompetenz. Die Medien sind jedoch nur Hilfsmittel und nicht das zentrale Bildungsziel im Unterricht. Wichtiges Unterrichtziel muß in jedem Fall die Förderung der Kreativität des Einzelnen bleiben.

Ein Abschlusswort zur Finanzierung:
Mangelnde Finanzen sind für jede politische Forderung ein Totschlagargument. Deutschland muss sich jedoch darauf besinnen, dass es als rohstoffarmes Land in erster Linie auf die berufliche Qualifikation seiner Arbeitnehmer angewiesen ist. Das bedeutet, dass der Bildungssektor stets besonders zu fördern ist. Und wenn es politisch wirklich gewollt ist, dann lässt sich durch Umverteilen (wie z.B. das Streichen kostspieliger Prestigeobjekte oder wettbewerbsverzerrender Subventionen) genügend Geld finden, um die obigen Maßnahmen zu finanzieren. Das größere Problem besteht gegenwärtig darin, dass es nicht genügend ausgebildete Lehrer für Grund-, Haupt- und Realschulen gibt. Diesem Trend kann ebenfalls nur durch Maßnahmen wie den oben beschriebenen entgegengewirkt werden, da auch der Lehrerberuf wieder attraktiver wird, wenn sich die Situation an den Schulen tendenziell entspannt.


Wolfgang Jöckle, Stephan Krell, Christa Moseler, Prof. Dr. Felix Leinen, Dr. Gertrud Schanne-Raab, 27.07.2002